Humor entsteht durchs Ausprobieren
Lange Zeit dachte ich, humorvolle Menschen hätten einfach eine besondere Begabung. Manche wirken so spontan, locker und schlagfertig, dass es aussieht, als käme ihnen alles mühelos zugeflogen. Entweder man hat dieses Talent — oder eben nicht. So zumindest meine frühere Vorstellung.
Heute sehe ich Humor deutlich weniger als Talent und viel mehr als etwas, das sich entwickelt. Nicht theoretisch, sondern im Alltag. Durch Benutzen. Durch Ausprobieren. Durch die Bereitschaft, sich überhaupt darauf einzulassen.
Genau das fällt vielen Menschen allerdings schwer. Gerade im beruflichen Kontext. Dort bewegen wir uns oft in einem unausgesprochenen Spannungsfeld zwischen Professionalität und Menschlichkeit. Viele möchten locker, nahbar und humorvoll wirken — und gleichzeitig nichts Falsches sagen, nicht unprofessionell erscheinen oder sich angreifbar machen.
Deshalb wird Humor häufig innerlich aussortiert, bevor er überhaupt sichtbar wird.
Der spontane Gedanke im Meeting bleibt unausgesprochen. Die kleine humorvolle Bemerkung in einer Nachricht wird wieder gelöscht. Stattdessen entscheidet man sich für die sichere Variante. Sachlich. Kontrolliert. Korrekt.
Das ist verständlich. Und gleichzeitig schade. Denn Humor entsteht selten unter perfekten Bedingungen. Er entsteht meistens in den kleinen, unperfekten Momenten des Alltags. Dort, wo Menschen sich erlauben, spontan zu reagieren, Situationen etwas leichter zu nehmen oder auch einmal nicht vollkommen souverän wirken zu müssen.
In meinen Trainings beobachte ich immer wieder, dass genau dort Entwicklung passiert. Nicht durch das Auswendiglernen von Techniken oder Pointen, sondern durch kleine mutige Schritte. Menschen beginnen, ihrem eigenen Stil mehr zu vertrauen. Sie merken, dass Humor nicht bedeutet, ständig witzig zu sein, sondern beweglich zu bleiben und Situationen auch einmal anders betrachten zu können.
Und manchmal gehört eben auch dazu, dass etwas nicht zündet. Dass man selbst kurz denkt: „Okay … der war jetzt eher nur für mich lustig.“ 😄 Genau diese Momente machen Humor aber oft menschlich und sympathisch. Denn es geht nicht darum, ständig originell oder schlagfertig zu sein. Sondern darum, sich überhaupt zu erlauben, locker, spontan und echt zu reagieren.
Vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis: Viele Menschen fragen sich, ob sie humorvoll genug sind. Die spannendere Frage ist aus meiner Sicht oft eine andere — nämlich, wo wir uns überhaupt erlauben, unseren Humor zu zeigen.
Denn die Gelegenheiten dafür wären längst da. Jeden Tag.
